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Gruppenarbeit: Was verstehen wir unter „Verstehen“? / Steger 2006
 

Gruppenmitglieder:

Herlinde Reisch, a0217580@unet.univie.ac.at
Mira Angermann, mira.angermann@gmx.net
Elke Grasserbauer, grasserbauer@kabsi.at
Gabriela Messner, gabriela.messner@pimex.at
Harald Kviecien, harald.kviecien@pimex.at



1. Einleitung


Da wir über das Verstehen keine evidente Wahrheitsaussage im Sinne einer Korrespondenz mit der Wirklichkeit treffen und daher Verstehen in seinem "Sein" nicht definieren können, begründen wir hier unsere gemeinsame konsensuale Arbeitsdefinition, indem wir - ausgehend von den Gemeinsamkeiten unserer Eingangsstatements und den Überlegungen aus der Vorlesung - die Schritte des Verstehens beschreiben. Je nach Zielsetzung unterscheiden wir zwischen „Alltagsverstehen“ und „wissenschaftlichen Verstehen“, erläutern das Verhältnis von kognitivem und emotionalem Verstehen und klären, welche Vorraussetzungen bzw. Bedingungen das Verstehen beeinflussen.

 

2. Definition des Verstehens


Das Verstehen ist ein Prozess mit dem Ziel die Wirklichkeit zu erfassen.


Beim Prozess des Verstehens werden sowohl intrinsische (persönliche Meinung, Wertvorstellungen und auch Interesse und Motivation) als auch extrinsische Momente (Erlebnisse, Wahrnehmungen aus der Umwelt,…), sowohl kognitive als auch emotionale Momente miteinander verknüpft. Da der Mensch fast ständig neue Inputs erhält, werden neue und andere Verknüpfungen möglich, sodass sich das Verstehen immer wieder verändert und als Spirale ("hermeneutischer Zirkel") gedacht werden kann.

Jeder Mensch kann innerhalb seiner Möglichkeiten (kognitive Fähigkeiten, Ressourcen, Interessen, ...) bewusst oder unbewusst entscheiden, inwieweit er sich in seinen Verknüpfungen (=Theorien) der Wirklichkeit annähern möchte, um zumindest handlungsfähig zu sein, bis hin um einen allgemeingültigen Wahrheitsanspruch zu stellen. Daher hängt das Ziel, die Wirklichkeit zu erfassen auch mit dem Wunsch Verstehen zu wollen zusammen.

Da man sich aus unserer Sicht dem Ziel, die Wirklichkeit zu erfassen, nur annähern kann, bleibt auch die erreichte Nähe zum Ziel unbestimmbar.

 

3. Die Schritte des Verstehens


Um etwas verstehen zu können, muss zu allererst eine neue Information verfügbar sein, die entweder über die Sinne oder als intrinsische Momente wahrgenommen werden. Dem Wahrgenommenen wird nun ein Sinn, eine Bedeutung beigemessen, indem das Wahrgenommene bewusst oder unbewusst mit anderem, bereits Vorhandenem in Beziehung gesetzt, verknüpft wird. In Beziehung setzen bedeutet Verknüpfungen mit den Vorerfahrungen oder mit anderen Aussagen innerhalb eines anderen Systems herzustellen und auf diese Weise eine Theorie zu bilden.

Seit Kant mit seiner kopernikanischen Wende gehen die wissenschaftstheoretischen Positionen davon aus, dass der Mensch als vernünftiges Wesen die „Welt“ ordnet, das heißt sie wahrnimmt, beschreibt und interpretiert. Der Mensch schaut auf die Dinge, bildet sich eine Theorie, das heißt er abstrahiert seine Verknüpfungen und verallgemeinert sie und befindet sich dadurch auf einer vorläufigen Ebene des Verstehens, die nur eine vorläufige ist, weil neue Wahrnehmungen neue Beschreibungen und neue Interpretationen ermöglichen.

Das Verstandene ist so lange gültig bis ein neuer Input neue Verknüpfungen und neue Theorien ermöglicht. Der Prozess des Verstehens lässt sich gut am Beispiel eines Hausbaus veranschaulichen. Ein Mensch baut aus dem ihm zur Verfügung stehenden Material sein „Haus des Verstehens“. Solange sich neue Erfahrungen mit den alten verknüpfen lassen, solange kann man an seinem Haus weiterbauen. Manchmal kann es zu einem Stopp des Hausbaus kommen. Gelegentlich kommt es aber zu einem Moment, in welchem die einzelnen Teile nicht mehr zueinander passen und das Haus abgerissen werden muss und der Bau des Hauses von Neuen beginnt.


4. „Alltagsverstehen“ und „wissenschaftliches Verstehen“


Wir unterscheiden also beim Verstehen zwischen einem eher subjektbezogenen „Alltagsverstehen“ und einem um Objektivität (im Sinne der Realität entsprechenden Allgemeingültigkeit) bemühten „wissenschaftlichen Verstehen“.


„Alltagsverstehen“


Das Alltagsverstehen hat zum Ziel, sich selbst oder andere bzw. anderes, das heißt die Umwelt zu verstehen, um in dieser Welt handeln zu können. Man nimmt sich selbst wahr, sein Verhalten, seine Gedanken, seine Emotionen und/oder die der anderen, beschreibt und interpretiert (verknüpft) diese. Die Verknüpfungen sind unter anderem abhängig von der individuellen Vorerfahrung, der Lebensgeschichte, dem Milieu und der Interpretationsfähigkeit des einzelnen. Neue Erfahrungen werden in das bestehende Verknüpfungssystem (=Theorie) eingebaut und zwar solange bis eine neue Erfahrung nicht mehr in das bestehende System einzuordnen ist. Dann kann man die „unpassenden“ Erfahrungen verdrängen und weiterhin an seinem System festhalten oder aber seine Verknüpfungen neu ordnen.

Alltagsverstehen entsteht in der Auseinandersetzung mit der Realität, beansprucht aber nicht unbedingt die Wirklichkeit in ihrem „So-Sein“ zu erfassen,  daher muss Alltagsverstehen nicht begründet werden.


„Wissenschaftliches Verstehen“


Wissenschaftliches Verstehen hat zum Ziel, Wahrnehmungen zu beschreiben und soweit zu verknüpfen, dass sie möglichst der Wirklichkeit entsprechen. Im Unterschied zum Alltagsverstehen müssen diese Theorien bzw. Aussagen begründet werden, damit der Einzelne vor den Anderen für seine Aussage Wahrheit beanspruchen kann. Die Begründung aufgrund von subjektiven Wahrnehmungen ist nicht ausreichend. Die Begründung muss empirisch (im Sinne der Korrespondenztheorie), in Übereinstimmung mit anderen Aussagen (Kohärenztheorie) oder dadurch, dass andere Personen die gleichen Verknüpfungen gemacht haben (Konsenstheorie) erfolgen, wobei der „Wahrheitsanspruch“ der Theorien in dieser Reihenfolge immer mehr abnimmt.


5. Emotionales und kognitives Verstehen


An dieser Stelle sei noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass beim Prozess des Verstehens sowohl kognitive als auch emotionale, intrinsische und extrinsische Wahrnehmungen miteinander verknüpft werden und dadurch unterschiedliche Dimensionen des Verstehens möglich werden. Kognitive Verknüpfungen führen zu Alltags- oder wissenschaftlichen Theorien. Emotionale Verknüpfungen ergeben emotionale Muster, nach denen wir einerseits handeln und die andererseits wiederum die Wahrnehmung des einzelnen und somit das „Rohmaterial“ des Verstehens beeinflussen.

Wenn zum Beispiel ein Paar vor der Geburt des ersten Kindes steht, dann kann es aus der Beobachtung der Erfahrung anderer (kognitive Daten) verstehen, dass alles anders wird. Haben die beiden dann eine Zeit mit dem Kind gelebt, haben sie erfahren, wie es ist, ein Kind zu haben. Sie können aufgrund ihrer Erfahrungen andere Verknüpfungen eingehen und somit eine andere Stufe auf der Spirale des Verstehens erreichen. Da Erfahrungen zudem mit Emotionen besetzt sind, ist auch das emotionale Verstehen ein anderes. Obwohl das emotionale Verstehen oft als „tieferes“ Verstehen empfunden wird, ist es lediglich eine andere Dimension des Verstehens.

 

6. Voraussetzungen und Bedingungen für Verstehen


Unser Verständnis von Verstehen ist dynamisch mit dem Wunsch Verstehen zu wollen. Man möchte einen Zustand des Verstehens erreichen, wissend, im Moment noch nicht zu verstehen.

Die Sinne sind Voraussetzung für jede Art der extrinsischen Wahrnehmung und somit auch für das Verstehen. Hören, also akustisches Verstehen, zählt nicht zum Verstehen, sondern ist eine wichtige, jedoch nicht unbedingt notwendige Voraussetzung für das Verstehen.

Neben dem Wunsch Verstehen zu wollen, bestimmen auch kognitive Fähigkeiten den Grad des Verstehens. Beispielsweise können Kinder nur gemäß ihrem Entwicklungsstand verstehen oder ist es nicht jedem möglich ein Mathematikstudium zu absolvieren und zum Beispiel mathematische Beweise zu verstehen.

Es gibt Verstehensprozesse, die im Hintergrund ablaufen und plötzlich hat man ein so genanntes „Aha-Erlebnis“. Daraus folgt, dass man sich mit manchen Inhalten bewusst auseinandersetzt und andere Prozesse unbewusst vor sich gehen und man dennoch versteht.


7. Gruppenprozess


Die Arbeit in der Gruppe verläuft weitestgehend zielstrebig und geprägt von dem was die Gruppenmitglieder als Teil der Gemeinsamkeiten in deren Verständnis von „Verstehen“ identifiziert haben: „Verstehen zu wollen“. Alle Gruppenmitglieder sind offen für die Meinung der anderen und sehr bemüht das „Verstehen“ zu beschreiben, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erörtern sowie die Gedanken in eine gemeinsame Form zu gießen. Die „gemeinsame Reise des Denkens“, um den Sinn von Verstehen zu erfassen steht im Vordergrund.

Zu Beginn der Gruppenarbeit gibt es im Zuge des ersten von fünf Treffen eine kurze Phase des Kennenlernens, da sich die Gruppenmitglieder vorher entweder nur kurz einmal gesehen hatten oder gar nicht kannten. Die Gruppenmitglieder versuchen sich gegenseitig kurz einzuschätzen um dann rasch mit der Arbeit zu beginnen. Nach dem Lesen aller Eingangsstatements durch die Gruppenmitglieder hat einer der Gruppe das Gemeinsame der Statements herausgefiltert. Diese Gemeinsamkeiten (1. Zusammenhang „Verstehen“ und „Verstehen wollen“, 2. Skalierung, unterschiedliche Grade des Verstehens, 3. Bewegung, Prozess, Dynamik) begleiten die Teilnehmer die weiteren Treffen und finden sich auch in der abschließenden Definition wieder.

Im Anschluss beginnen erste Diskussionen und das Austauschen von Meinungen. Es wird kurz darüber gesprochen, ob eine Gegenüberstellung von Mensch und Maschine (Mensch = nicht triviale Maschine) für das Herausarbeiten einer Definition hilfreich sein kann. Die Gruppenmitglieder können sich nicht einigen, inwieweit komplexe Maschinen (z. B. Computer) verstehen können bzw. künstliche Intelligenz eine Rolle spielt. Dieser Aspekt wurde zu diesem Zeitpunkt nicht vertieft, da es eher den gemeinsamen Gedankenprozess behindert hätte.

Beim 2. Treffen hilft zu Beginn eine kleine Internet-Recherche eines Mitglieds insofern weiter, als sich dadurch eine Bestätigung für bisherige Überlegungen in Richtung Unterscheidung unterschiedlicher Arten des Verstehens (Alltagsverstehen, wissenschaftliches Verstehen) ergibt. In weiterer Folge bringen Gruppenmitglieder Gedanken ein, die sie sich in der Zwischenzeit überlegt hatten. Auf diese Weise wird  der Begriff des Verstehens aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert (z. B. gibt es ein kognitives und ein emotionales Verstehen und in welcher Beziehung stehen sie zueinander?) ohne jedoch eine Erklärung des Begriffs zu finden. Der Versuch, sich dem „Verstehen“ aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern liefert schließlich erste Antworten, ohne sie jedoch durchgängig begründen zu können. Erstaunlicherweise sind Diskussionen und sogar Einigungen über z. B. Voraussetzungen für Verstehen möglich, ohne den Begriff selbst bereits definiert zu haben. Dies bedeutet, dass offensichtlich das implizite Verständnis der Gruppenmitglieder vom Begriff des Verstehens ähnlich ist, ohne dass diese (bis jetzt) in der Lage sind, ihn zu explizieren.

Die inhaltlichen Gespräche gehen sehr in die Breite, was einerseits hilft sich gegenseitig besser einzuschätzen, es kommt ein wenig der persönliche Zugang zur Sprache. Auch lassen sich die Gruppenmitglieder nicht mehr so schnell von einem Argument überzeugen. Kein Gruppenmitglied ist Studienanfänger und alle bringen daher schon einiges an Vorwissen und Vorverständnis mit. Jeder hat schon etwas über den „Hermeneutischen Zirkel“ gehört, gelesen oder ein Seminar zu diesem Thema besucht. Die Fülle an Ideen und Argumenten sorgten für einige Verwirrung, daher wurde der Vorschlag vorgebracht, bei der 3. Sitzung sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Im 4. und 5. Treffen wird auf die Festlegung einer Definition hingearbeitet, die alle bisherigen Ansichten vereint und nach schlüssigen Begründungen gesucht.

Die Argumentation der Gruppenmitglieder verläuft stets auf sachlicher Ebene. Kein Gruppenmitglied beharrt auf seinem Standpunkt, sondern hört sich die Argumente der anderen an und versucht dann zu begründen, weshalb es dies so oder anders sieht.

Aufgabenverteilung: Jedes Gruppenmitglied schreibt die wichtigen Punkte während des Gruppentreffens mit. Gegen Ende jedes Treffens werden die wesentlichen Inhalte des Treffens herausgearbeitet. Am Ende meldet sich dann ein Gruppenmitglied freiwillig, das Gesagte schriftlich zusammenzufassen und in einem Onlinedokument (http://oh-forum.themenplattform.com/270570.11/), zu welchem jedes Gruppenmitglied Zugriff hat, zu publizieren. Dort besteht dann für jedes Gruppenmitglied die Möglichkeit die Zusammenfassung zu kommentieren und Ergänzungen einzufügen. Die überarbeitete Zusammenfassung dient als Arbeits- und Argumentationsgrundlage für die nächste Sitzung.


Zusammenfassung 3. & 4. Treffen

Dokumentation der bisherigen Herangehensweise.



Metainfo:Autor: Reisch H, Angermann M, Grasserbauer E, Messner G, Kviecien H
Publiziert von: Harald Kviecien
infoID: 270570.11 (...Archiv) Publiziert am 6 Dec. 2006; 21:56