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Einleitung
In dem Textausschnitt Rekonstruktive vs. verstehende Sozialwissenschaften versteht Habermas die Hermeneutik als Methode zur Betrachtung der Sprache, wie sie von Teilnehmern verwendet wird, um zu einem "gemeinsamen Verständnis einer Sache" (Habermas 1991, S.33) zu gelangen. Habermas begegnet der Kritik der Hermeneutik als Methode (nämlich ihrer Kritiklosigkeit), indem er sowohl das Phänomen Verstehen als auch die Methode und ihre Problematik selbst erläutert und dieser argumentativ begegnet. Da wir in unserer ersten Arbeit und auch in den Diskussionen zur zweiten um die Unterscheidung zwischen den beiden Ebenen Verstehen als Phänomen und als Methode gerungen haben, stellen wir diese in den Vordergrund, um abschließend den Bezug zu unserer ersten Gruppenarbeit herzustellen.
Verstehen als Phänomen – zwei Sprachmodi und die performative Einstellung
Ein sinnhafter Ausdruck (z.B. Äußerung, Artefakt, wie Werkzeug, Institution oder Schriftstück) kann sowohl beobachtet als auch Bedeutung zugeschrieben werden. Habermas unterscheidet als Voraussetzung für das Phänomen Verstehen zwischen 2 Modi des Sprachgebrauchs. Beim 1. Modus des Sprachgebrauchs handelt es sich um einen rein kognitiven. In diesem Fall ist nur eine fundamentale Beziehung gegeben, die Beziehung zwischen Sätzen und etwas in der Welt. Wird Sprache zur Verständigung mit jemand anderem verwendet (2. Modus) erfordert dies, im Gegensatz zum 1. Modus die Beteiligung am kommunikativen Handeln. Es muss eine Sprechsituation geben oder vorgestellt werden, bei dem über etwas das Gemeinte zum Ausdruck gebracht wird. Beim kommunikativen Sprachgebrauch bestehen drei Beziehungen einer Äußerung: als "Ausdruck der Intention eines Sprechers", als "Ausdruck für die Herstellung einer interpersonalen Beziehung zwischen Sprecher und Hörer" und als "Ausdruck über etwas in der Welt" (ebd., S. 32f). Wenn der Sprecher etwas sagt, nimmt er Bezug auf die objektive, die soziale und die subjektive Welt. Bei der Herstellung einer interpersonalen Beziehung ist es wichtig, dass die Sprecher ein intersubjektiv geteiltes Hintergrundwissen und gemeinsamen (Sprach)Kulturgebrauch haben. Zentral ist die Einnahme einer performativen Einstellung, welche den Wechsel zwischen der ersten, zweiten und dritten Person erlaubt. Die unterschiedlichen Personen erheben verschiedene Geltungsansprüche. So muss die erste Person dem Geltungsanspruch Wahrhaftigkeit, die zweite der normativen Richtigkeit und die dritte der Wahrheit gerecht werden.
Verstehen als Methode – das Problem der Objektivität
So wie das Phänomen an die dreifache Beziehung einer Äußerung innerhalb eines Kommunikationsaktes, an die Teilnahme am kommunikativen Geschehen und die performative Einstellung gebunden ist, muss sich die Hermeneutik, will sie eine wissenschaftliche Methode sein, auch damit und den daraus entstehenden methodologischen Folgen befassen. Vergleicht man die "Einstellung der Dritten Person" von Wissenschaftern und Interpreten so ergeben sich drei wichtige methodologische Folgen. Da der Interpret aktiv am kommunikativen Verstehensprozess teilnimmt, gibt er die beobachtende, unabhängige Außenposition und somit die Möglichkeit der Entscheidung von Geltungsfragen auf. Aufgrund der performativen Einstellung des Interpreten stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Kontextabhängigkeit jeglicher Verstehensprozesse. Und damit nicht genug erhebt ein Interpret im Gegensatz zum Wissenschafter (vgl. Habermas S. 35) neben dem Anspruch von Wahrheit auch weitere Geltungsansprüche auf Wahrhaftigkeit und normative Richtigkeit, womit eine Interpretation nicht mehr richtig oder falsch sein, sondern nur zutreffend, passend oder explizierend sein kann (vgl. Habermas S. 36). Objektivität im Sinne einer unbeteiligten, rein beobachtenden Außenposition wird aufgegeben, aber ersetzt durch die kritische und auch konstruktive und in Ansätzen auch transzendentale Funktion rationaler Rekonstruktionen, mit deren Hilfe die Bedingungen der Gültigkeit von Aussagen identifiziert, geprüft und bewertet werden können. Wenn zum Beispiel der Interpret einen Text hermeneutisch verstehen will, muss er den Kontext des Autors klären, um mit Gründen, d. h. rational zu rekonstruieren, was sich der Autor dabei gedacht hat oder auch implizit mitgedacht hat. Die rationale Prüfung der Bedingungen der sinnhaften Ausdrücke, die ja Gegenstand der Hermeneutik sind, ermöglichen einerseits eine kritische Position und andererseits einen rationalen Konsens. Verstehen im wissenschaftlichen Sinne, d. h. mit Gründen hypothetische (vgl. Habermas S. 41) Wahrheit zu beanspruchen, wird möglich, ohne die Kontextgebundenheit in der sozialen und subjektiven Welt von Autor und Interpret außer Acht zu lassen.
Bezug zu unserer ersten Arbeit
In unserer ersten Gruppenarbeit „Was verstehen wir unter Verstehen?“ beschreiben wir das Phänomen Verstehen als Prozess mit dem Ziel, die Wirklichkeit zu erfassen. Sowohl kognitive als auch emotionale, intrinsische und extrinsische Wahrnehmungen werden miteinander zu möglichst passenden Theorien über die Wirklichkeit verknüpft.
Erweiterung unseres Verstehensbegriffs Im Text von Habermas fanden wir unsere Auffassung vom Phänomen Verstehen in mehrerlei Hinsicht erweitert: In Bezug auf das Phänomen Verstehen hat Habermas die von uns erwähnten extrinsischen und intrinsischen, kognitiven und emotionalen lebensgeschichtlich geprägten Wahrnehmungen in objektive, soziale und subjektive Bezüge gegliedert, wobei bei Habermas jede Aussage diesbezüglich zu unterscheiden ist. Weiters beschreiben wir, wie eine Person versteht, hat Habermas das Gegenüber (einen Hörer, einen Autor,...) in den Blick genommen, mit dem es gilt, einen rationalen Konsens zu finden. Verstehen als wissenschaftliche Methode hatten wir nur angedacht mit dem Unterscheidungskriterium der für alle nachvollziehbaren Begründung. Habermas hingegen klärt die Funktionsweise des Verstehens mit dem Ziel, der Kritik der Hermeneutik als Methode, nämlich ihrer Kritiklosigkeit zu begegnen.
Verknüpfungen und rationale Rekonstruktionen Ein direkter Vergleich zwischen den beiden Begriffen ist nicht zulässig, da wir in der Darlegung unseres Verstehensbegriffs ausschließlich das Phänomen beschreiben, während der Begriff der "rationalen Rekonstruktionen" ein zentraler Begriff der Methode darstellt. Würden wir unseren Verstehensbegriff als Methode durchdenken, wäre zu prüfen, ob und unter welchen Voraussetzungen Berührungspunkte zwischen unserem Begriff der "Verknüpfungen" und Habermas` "Rationalen Rekonstruktionen" identifizierbar wären. Wenn nämlich z. B. ein Interpret den Text eines Autors verstehen will, so muss er nach Habermas bemüht sein, dessen Gründe für seine Aussagen rational zu rekonstruieren. In unseren Begriffen würde dies bedeuten, die Verknüpfungen des Autors so weit wie möglich nachvollziehen zu können, zu prüfen und zu bewerten und zwar welche Inputs vom Autor auf welche Weise miteinander verknüpft bzw. verarbeitet wurden.
Das Ziel und die positive Absicht In Bezug auf unseren Verstehensbegriff haben wir festgestellt, dass dem Menschen immer ein Ziel innewohnt, die Wirklichkeit zu erfassen, und dass er sich entscheiden (abgesehen von grundlegendem Verstehen) kann, inwieweit er die ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzt, damit sich seine Theorie von Wirklichkeit so gut wie möglich der Wirklichkeit annähert. Mit dem damit verbundenen Wunsch, verstehen zu wollen, sprechen wir dem Menschen eine positive Absicht zu. Auch Habermas als Konsenstheoretiker unterstellt den an der Kommunikation beteiligten die Absicht, zu einem Konsens gelangen und verstehen zu wollen.
Die Erfassung der Wirklichkeit Wissenschaftliches Verstehen unterscheidet sich unserer Ansicht nach vom Alltagsverstehen durch die erforderliche korrespondenz-, kohärenz- und/oder konsenstheoretische Begründung von Verknüpfungen, d. h. Aussagen oder Theorien über die Wirklichkeit. Im Unterschied zum Phänomen bedürfen auch bei Habermas in der Methode des Verstehens alle drei Geltungsansprüche (Wahrheit, normative Richtigkeit, Wahrhaftigkeit) einer kritischen Prüfung und müssen rational rekonstruiert und begründet werden, „damit die intersubjektive Anerkennung eines jeweiligen Anspruchs als Grundlage für einen rational motivierten Konsensus dienen kann“ (Habermas, S. 34). Denn schließlich will ja auch Habermas mit Hilfe der Hermeneutik „mit Gründen Wahrheit beanspruchen“ (siehe Platon). Da für Habermas der rationale Konsens das Ziel des Verstehens ist, wird er als DER Konsenstheoretiker gesehen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass er für die Bewertung von Gründen sehr wohl „Rationalitätsstandards“ in Anspruch nimmt, die von allen als für alle (zeitgenössischen) Parteien verbindlich betrachtet werden (Habermas S. 40). Habermas verweist in diesem Zusammenhang auf andere „Disziplinen wie die der Logik und der Metamathematik, der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, der Linguistik und Sprachphilosophie, der Ethik und Handlungstheorie, der Ästhetik, der Argumentationstheorie usw“ (ebd.). Indem er die Bewertung von Gründen den Erkenntnissen dieser Disziplinen unterstellt, muss auch er (ebenso wie wir) korrespondenztheoretischen Begründungen den höchsten „Wahrheitsanspruch“ zugestehen, gefolgt von kohärenz- und konsenstheoretischen Argumenten. Dazu ist anzumerken, dass die Korrespondenz mit der Wirklichkeit die Kohärenz von Aussagen voraussetzt, denn wenn zwei Aussagen empirisch der Wirklichkeit entsprechen, aber nicht übereinstimmen, dann können sie nicht „wahr“ sein.
Gruppenprozess
Wir haben uns für diesen Text entschieden, da dieser mit der vorangegangenen Gruppenarbeit in einigen Punkten sinnvoll erscheinende Berührungspunkte enthält. Beim ersten Treffen beginnt die Gruppe den Text anhand wichtiger Stellen zu analysieren um einen Einblick zu bekommen. Die meisten Gruppenmitglieder haben trotz mehrmaligem Lesen nicht das Gefühl, den Text verstanden zu haben. Beim nächsten Treffen analysiert die Gruppe systematisch Textstellen. Ein Gruppenmitglied hat dabei ein bisschen im Internet recherchiert, was beim Textverständnis hilft. Die Vorlesung zu den Texten (18.1) eröffnet den anwesenden Gruppenmitgliedern neue Sichtweisen und trägt einiges zum Verständnis des Textes von Habermas bei. Aus diesem Grund wird der Tutoriumstermin verschoben, um noch mehr Zeit für die Miteinbeziehung des Gehörten zur Verfügung zu haben. Der an die Vorlesung anschließende Termin wird von den drei Gruppenmitgliedern nicht genützt, da sie zuerst das Neue auf sich wirken lassen müssen. Bei unserem dritten Treffen hat sich endlich ein Bild über unsere Arbeit ergeben. Obwohl ein Gruppenmitglied Zweifel äußerte, ob wir uns nicht doch für den Text von Luhmann entscheiden hätten sollen, da dem Gruppenmitglied in diesem Text der Bezug auf unsere Arbeit logischer erscheint. Ein anderes Gruppenmitglied kann sich dieser Meinung überhaupt nicht anschließen. Unklarheit herrscht auch noch über die Verknüpfung unserer ersten Gruppenarbeit mit dem Text von Habermas. Ein anderes Gruppenmitglied hat sich bei diesem Treffen vor allem auf die Punkte des kommunikativen Handelns und der performativen Einstellung konzentriert. Erstmals ist bei einigen Gruppenmitgliedern ein Gefühl des „Verstehens“ zu bemerken. Die zweite Vorlesung (25.1.) bringt wieder neue und wichtige Einblicke. Vor dem Tutorium wird drei Teilnehmern klar, dass unsere erste Gruppenarbeit vom Verstehen einer einzelnen Person ausgeht und Habermas vom Verstehen zweier Personen ausgeht. Wir verstehen nun, was ein Gruppenmitglied gemeint hat, dass der Text von Habermas eine Erweiterung für unser Verstehensbegriff darstellt. Außerdem bemerken wir auch, dass die Voraussetzungen, welche wir in unserer Arbeit ausgemacht haben, nicht direkt mit den Voraussetzungen bei Habermas verglichen werden können. Das Tutorium zeigt uns dann noch genauer den Unterschied zwischen Verstehen als Phänomen und Verstehen als Methode bei Habermas auf. Eine Teilnehmerin stellt sich die Frage, wenn die dritte Person ins Spiel kommt und somit der Geltungsanspruch Wahrheit zum Tragen kommt, ob es sich dann hier nicht um eine Korrespondenztheorie handelt. Die Fragestunde gibt uns wieder neue Einblicke. Beim nächsten Treffen bereitet uns die Auseinanderhaltung der beiden Ebenen dann doch größere Schwierigkeiten und wir schaffen es nicht, wie geplant, die Arbeit zu Papier zu bringen. Wir waren nur noch mehr verwirrt, weshalb wir uns dann auch für den zweiten Abgabetermin entschieden. Die weitere Diskussion erfolge über Mail und das Forum (Übersicht: http://oh-forum.themenplattform.com/280824.0), da wir uns in unterschiedlichen Bundesländern befanden. Dies gestaltete sich doch schwieriger als wir dachten, da einige Gruppenmitglieder zu unterschiedlichen Zeitpunkten krank wurden oder in Urlaub fuhren und somit jeder unterschiedlich Zeit hatte und es ein eher mühsames Vorankommen war. Für das nächste Semester haben wir uns vorgenommen, dass wir den ersten Abgabetermin wahrnehmen und die Arbeit nicht in den Ferien fertig stellen. Wir freuen uns alle fünf auf das nächste Semester und die Gruppenarbeiten!
Literaturverzeichnis
Habermas, Jürgen: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln. – Frankfurt am Main: Suhrkamp 19914, S. 29-42. Reisch Herlinde, Angermann Mira, Grasserbauer Elke, Messner Gabriela, Kviecien Harald: 1. Gruppenarbeit: Was verstehen wir unter „Verstehen“? / Steger WS 2006/07, http://oh-forum.themenplattform.com/270570.11.
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