Gruppenmitglieder:
Herlinde Reisch, a0217580@unet.univie.ac.at Mira Angermann, mira.angermann@gmx.net Elke Grasserbauer, grasserbauer@kabsi.at Gabriela Messner, gabriela.messner@pimex.at Harald Kviecien, harald.kviecien@pimex.at
1. Einleitung
Da wir über das Verstehen keine evidente
Wahrheitsaussage im Sinne einer Korrespondenz mit der Wirklichkeit treffen und
daher Verstehen in seinem "Sein" nicht definieren können, begründen
wir hier unsere gemeinsame konsensuale Arbeitsdefinition, indem wir - ausgehend von den Gemeinsamkeiten unserer
Eingangsstatements und den Überlegungen aus der Vorlesung - die Schritte des
Verstehens beschreiben. Je nach Zielsetzung unterscheiden wir zwischen
„Alltagsverstehen“ und „wissenschaftlichen Verstehen“, erläutern das Verhältnis
von kognitivem und emotionalem Verstehen und klären, welche Vorraussetzungen
bzw. Bedingungen das Verstehen beeinflussen.
2. Definition des Verstehens
Das Verstehen ist ein Prozess mit
dem Ziel die Wirklichkeit zu erfassen.
Beim Prozess des Verstehens werden sowohl
intrinsische (persönliche Meinung, Wertvorstellungen und auch Interesse und
Motivation) als auch extrinsische Momente (Erlebnisse, Wahrnehmungen aus der
Umwelt,…), sowohl kognitive als auch emotionale Momente miteinander verknüpft.
Da der Mensch fast ständig neue Inputs erhält, werden neue und andere
Verknüpfungen möglich, sodass sich das Verstehen immer wieder verändert und als
Spirale ("hermeneutischer Zirkel") gedacht werden kann.
Jeder Mensch kann innerhalb seiner
Möglichkeiten (kognitive Fähigkeiten, Ressourcen, Interessen, ...) bewusst oder unbewusst entscheiden, inwieweit er sich
in seinen Verknüpfungen (=Theorien) der Wirklichkeit annähern möchte, um
zumindest handlungsfähig zu sein, bis hin um einen allgemeingültigen
Wahrheitsanspruch zu stellen. Daher hängt das Ziel, die Wirklichkeit zu
erfassen auch mit dem Wunsch Verstehen zu wollen zusammen.
Da man sich aus unserer Sicht dem Ziel,
die Wirklichkeit zu erfassen, nur annähern kann, bleibt auch die erreichte Nähe
zum Ziel unbestimmbar.
3. Die Schritte des Verstehens
Um etwas verstehen zu können, muss zu
allererst eine neue Information verfügbar sein, die entweder über die Sinne
oder als intrinsische Momente wahrgenommen werden. Dem
Wahrgenommenen wird nun ein Sinn, eine Bedeutung beigemessen, indem das
Wahrgenommene bewusst oder unbewusst mit anderem, bereits Vorhandenem in
Beziehung gesetzt, verknüpft wird. In Beziehung setzen bedeutet Verknüpfungen
mit den Vorerfahrungen oder mit anderen Aussagen innerhalb eines anderen
Systems herzustellen und auf diese Weise eine Theorie zu bilden.
Seit Kant mit seiner kopernikanischen
Wende gehen die wissenschaftstheoretischen Positionen davon aus, dass der
Mensch als vernünftiges Wesen die „Welt“ ordnet, das
heißt sie wahrnimmt, beschreibt und interpretiert. Der Mensch schaut auf die
Dinge, bildet sich eine Theorie, das heißt er abstrahiert seine Verknüpfungen
und verallgemeinert sie und befindet sich dadurch auf einer vorläufigen Ebene
des Verstehens, die nur eine vorläufige ist, weil neue Wahrnehmungen neue
Beschreibungen und neue Interpretationen ermöglichen.
Das Verstandene ist so lange gültig bis
ein neuer Input neue Verknüpfungen und neue Theorien ermöglicht. Der Prozess
des Verstehens lässt sich gut am Beispiel eines Hausbaus veranschaulichen. Ein
Mensch baut aus dem ihm zur Verfügung stehenden Material sein „Haus des
Verstehens“. Solange sich neue Erfahrungen mit den
alten verknüpfen lassen, solange kann man an seinem Haus weiterbauen. Manchmal
kann es zu einem Stopp des Hausbaus kommen. Gelegentlich kommt es aber zu einem Moment, in welchem die einzelnen Teile nicht
mehr zueinander passen und das Haus abgerissen werden muss und der Bau des
Hauses von Neuen beginnt.
4. „Alltagsverstehen“ und
„wissenschaftliches Verstehen“
Wir unterscheiden also beim Verstehen
zwischen einem eher subjektbezogenen „Alltagsverstehen“ und einem um
Objektivität (im Sinne der Realität entsprechenden Allgemeingültigkeit)
bemühten „wissenschaftlichen Verstehen“.
„Alltagsverstehen“
Das Alltagsverstehen hat zum Ziel, sich
selbst oder andere bzw. anderes, das heißt die Umwelt zu verstehen, um in
dieser Welt handeln zu können. Man nimmt sich selbst wahr, sein Verhalten,
seine Gedanken, seine Emotionen und/oder die der anderen, beschreibt und
interpretiert (verknüpft) diese. Die Verknüpfungen sind unter anderem abhängig
von der individuellen Vorerfahrung, der Lebensgeschichte, dem Milieu und der
Interpretationsfähigkeit des einzelnen. Neue Erfahrungen werden in das
bestehende Verknüpfungssystem (=Theorie) eingebaut und zwar solange bis eine
neue Erfahrung nicht mehr in das bestehende System einzuordnen ist. Dann kann
man die „unpassenden“ Erfahrungen verdrängen und weiterhin an seinem System
festhalten oder aber seine Verknüpfungen neu ordnen.
Alltagsverstehen entsteht in der
Auseinandersetzung mit der Realität, beansprucht aber nicht unbedingt die
Wirklichkeit in ihrem „So-Sein“ zu erfassen, daher muss Alltagsverstehen
nicht begründet werden.
„Wissenschaftliches Verstehen“
Wissenschaftliches Verstehen hat zum Ziel,
Wahrnehmungen zu beschreiben und soweit zu verknüpfen, dass sie möglichst der
Wirklichkeit entsprechen. Im Unterschied zum Alltagsverstehen müssen diese
Theorien bzw. Aussagen begründet werden, damit der Einzelne vor den Anderen für
seine Aussage Wahrheit beanspruchen kann. Die Begründung aufgrund von
subjektiven Wahrnehmungen ist nicht ausreichend. Die Begründung muss empirisch
(im Sinne der Korrespondenztheorie), in Übereinstimmung mit anderen Aussagen
(Kohärenztheorie) oder dadurch, dass andere Personen die gleichen Verknüpfungen
gemacht haben (Konsenstheorie) erfolgen, wobei der „Wahrheitsanspruch“ der
Theorien in dieser Reihenfolge immer mehr abnimmt.
5. Emotionales und
kognitives Verstehen
An dieser Stelle sei noch einmal explizit
darauf hingewiesen, dass beim Prozess des Verstehens sowohl kognitive als auch
emotionale, intrinsische und extrinsische Wahrnehmungen miteinander verknüpft
werden und dadurch unterschiedliche Dimensionen des Verstehens möglich werden.
Kognitive Verknüpfungen führen zu Alltags- oder wissenschaftlichen Theorien.
Emotionale Verknüpfungen ergeben emotionale Muster, nach denen wir einerseits
handeln und die andererseits wiederum die Wahrnehmung des einzelnen und somit
das „Rohmaterial“ des Verstehens beeinflussen.
Wenn zum Beispiel ein Paar vor der Geburt des ersten Kindes steht, dann
kann es aus der Beobachtung der Erfahrung anderer (kognitive Daten) verstehen,
dass alles anders wird. Haben die beiden dann eine Zeit mit dem Kind gelebt,
haben sie erfahren, wie es ist, ein Kind zu haben. Sie können aufgrund ihrer
Erfahrungen andere Verknüpfungen eingehen und somit eine andere Stufe auf der
Spirale des Verstehens erreichen. Da Erfahrungen zudem mit Emotionen besetzt
sind, ist auch das emotionale Verstehen ein anderes. Obwohl das emotionale
Verstehen oft als „tieferes“ Verstehen empfunden wird, ist es lediglich eine
andere Dimension des Verstehens.
6. Voraussetzungen und Bedingungen
für Verstehen
Unser Verständnis von Verstehen ist
dynamisch mit dem Wunsch Verstehen zu wollen. Man möchte einen Zustand des
Verstehens erreichen, wissend, im Moment noch nicht zu verstehen.
Die Sinne sind Voraussetzung für jede
Art der extrinsischen Wahrnehmung und somit auch für das Verstehen. Hören, also
akustisches Verstehen, zählt nicht zum Verstehen, sondern ist eine wichtige,
jedoch nicht unbedingt notwendige Voraussetzung für das Verstehen.
Neben dem Wunsch Verstehen zu wollen,
bestimmen auch kognitive Fähigkeiten den Grad des Verstehens. Beispielsweise
können Kinder nur gemäß ihrem Entwicklungsstand verstehen oder ist es nicht
jedem möglich ein Mathematikstudium zu absolvieren und zum Beispiel mathematische
Beweise zu verstehen.
Es gibt
Verstehensprozesse, die im Hintergrund ablaufen und plötzlich hat man ein so
genanntes „Aha-Erlebnis“. Daraus folgt, dass man sich mit manchen Inhalten
bewusst auseinandersetzt und andere Prozesse unbewusst vor sich gehen und man
dennoch versteht.
7. Gruppenprozess
Die
Arbeit in der Gruppe verläuft weitestgehend zielstrebig und geprägt von dem was
die Gruppenmitglieder als Teil der Gemeinsamkeiten in deren Verständnis von
„Verstehen“ identifiziert haben: „Verstehen zu wollen“. Alle Gruppenmitglieder
sind offen für die Meinung der anderen und sehr bemüht das „Verstehen“ zu
beschreiben, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu erörtern sowie die
Gedanken in eine gemeinsame Form zu gießen. Die „gemeinsame Reise des Denkens“,
um den Sinn von Verstehen zu erfassen steht im Vordergrund.
Zu
Beginn der Gruppenarbeit gibt es im Zuge des ersten von fünf Treffen eine kurze
Phase des Kennenlernens, da sich die Gruppenmitglieder vorher entweder nur kurz
einmal gesehen hatten oder gar nicht kannten. Die Gruppenmitglieder versuchen
sich gegenseitig kurz einzuschätzen um dann rasch mit der Arbeit zu beginnen.
Nach dem Lesen aller Eingangsstatements durch die Gruppenmitglieder hat einer
der Gruppe das Gemeinsame der Statements herausgefiltert. Diese Gemeinsamkeiten
(1. Zusammenhang „Verstehen“ und „Verstehen wollen“, 2. Skalierung,
unterschiedliche Grade des Verstehens, 3. Bewegung, Prozess, Dynamik) begleiten
die Teilnehmer die weiteren Treffen und finden sich auch in der abschließenden
Definition wieder.
Im
Anschluss beginnen erste Diskussionen und das Austauschen von Meinungen. Es
wird kurz darüber gesprochen, ob eine Gegenüberstellung von Mensch und Maschine
(Mensch = nicht triviale Maschine) für das Herausarbeiten einer Definition
hilfreich sein kann. Die Gruppenmitglieder können sich nicht einigen, inwieweit
komplexe Maschinen (z. B. Computer) verstehen können bzw. künstliche
Intelligenz eine Rolle spielt. Dieser Aspekt wurde zu diesem Zeitpunkt nicht
vertieft, da es eher den gemeinsamen Gedankenprozess behindert hätte.
Beim
2. Treffen hilft zu Beginn eine kleine Internet-Recherche eines Mitglieds
insofern weiter, als sich dadurch eine Bestätigung für bisherige Überlegungen in Richtung Unterscheidung unterschiedlicher
Arten des Verstehens (Alltagsverstehen, wissenschaftliches Verstehen) ergibt.
In weiterer Folge bringen Gruppenmitglieder Gedanken ein, die sie sich in der
Zwischenzeit überlegt hatten. Auf diese Weise wird der Begriff des
Verstehens aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert (z. B. gibt es ein
kognitives und ein emotionales Verstehen und in welcher Beziehung stehen sie
zueinander?) ohne jedoch eine Erklärung des Begriffs zu finden. Der Versuch,
sich dem „Verstehen“ aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern liefert
schließlich erste Antworten, ohne sie jedoch durchgängig begründen zu können.
Erstaunlicherweise sind Diskussionen und sogar Einigungen über z. B.
Voraussetzungen für Verstehen möglich, ohne den Begriff selbst bereits
definiert zu haben. Dies bedeutet, dass offensichtlich das implizite
Verständnis der Gruppenmitglieder vom Begriff des Verstehens ähnlich ist, ohne
dass diese (bis jetzt) in der Lage sind, ihn zu explizieren.
Die
inhaltlichen Gespräche gehen sehr in die Breite, was einerseits hilft sich
gegenseitig besser einzuschätzen, es kommt ein wenig der persönliche Zugang zur
Sprache. Auch lassen sich die
Gruppenmitglieder nicht mehr so schnell von einem Argument überzeugen. Kein Gruppenmitglied ist Studienanfänger und alle bringen
daher schon einiges an Vorwissen und Vorverständnis mit. Jeder hat schon etwas
über den „Hermeneutischen Zirkel“ gehört, gelesen oder ein Seminar zu diesem
Thema besucht. Die Fülle an Ideen und Argumenten sorgten für einige Verwirrung,
daher wurde der Vorschlag vorgebracht, bei der 3. Sitzung sich wieder auf das
Wesentliche zu konzentrieren.
Im
4. und 5. Treffen wird auf die Festlegung einer Definition hingearbeitet, die
alle bisherigen Ansichten vereint und nach schlüssigen Begründungen gesucht.
Die
Argumentation der Gruppenmitglieder verläuft stets auf sachlicher Ebene. Kein
Gruppenmitglied beharrt auf seinem Standpunkt, sondern hört sich die Argumente
der anderen an und versucht dann zu begründen, weshalb es dies so oder anders sieht.
Aufgabenverteilung:
Jedes Gruppenmitglied schreibt die wichtigen Punkte während des Gruppentreffens
mit. Gegen Ende jedes Treffens werden die wesentlichen Inhalte des Treffens
herausgearbeitet. Am Ende meldet sich dann ein Gruppenmitglied freiwillig, das
Gesagte schriftlich zusammenzufassen und in einem Onlinedokument (http://oh-forum.themenplattform.com/270570.11/),
zu welchem jedes Gruppenmitglied Zugriff hat, zu publizieren. Dort besteht dann
für jedes Gruppenmitglied die Möglichkeit die Zusammenfassung zu kommentieren
und Ergänzungen einzufügen. Die überarbeitete Zusammenfassung dient als
Arbeits- und Argumentationsgrundlage für die nächste Sitzung.
Zusammenfassung 3. & 4. Treffen
Dokumentation der bisherigen Herangehensweise.
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